(K)eine Weihnachtsgeschichte

Seit Jahren sorgen sich Markthändler und Langenhorner im Winter um die Obdachlosen am Marktplatz. Neben dem einfachen Umstand, dass niemand mit ihnen tauschen möchte, möchte auch niemand erleben, dass die Jungs morgens nicht mehr aufstehen. Seit Jahren weisen wir auch in der „Langenhorner Rundschau“ auf dieses Thema hin und versuchen Hilfe zu organisieren. Nach 3 (!) Jahren erfolgte am 1.9.2020 eine Reaktion des Regionalausschusses: Man entschied sich für einen Informationsabend. Eine Vertreterin der Behörde für Arbeit und Soziales wurde gebeten im Sozialausschuss über die Angebotsvielfalt der Straßensozialarbeit für Erwachsene im Bezirk Hamburg-Nord zu informieren. Sie haben richtig gelesen. Nach 3 Jahren beginnt man sich zu informieren, welche Lösungen die Stadt zu bieten hätte. Es geht aber in der Begründung für diesen Informationsabend nicht um Menschen, die zu erfrieren drohen. Nein, dort heißt es:
„Der Langenhorner Markt mit seinem Wochenmarkt, seinen zahlreichen Einkaufs- und Verweilmöglichkeiten [sic!], dem Kundenzentrum sowie mit seinen Bücherhallen [sic!] ist der zentrale Platz für Langenhorn. Viele Grundschüler*innen der anliegenden Grundschulen Eberhofweg und Katharina von Siena nutzen diesen Marktplatz als Schulweg.“
Diese Sichtweise verrät viel über soziale Kompetenz, bzw. über ihre Abwesenheit.

Dann heißt es: „Seit einiger Zeit halten sich immer mehr Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten am Langenhorner Markt auf. Es sind vor allem Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen, alkoholkrank und/oder psychisch erkrankt sind. Immer öfter kommt es zu Konflikten bei der Nutzung des öffentlichen Raumes.“
Konflikte bei der Nutzung öffentlichen Raumes sieht man vor allem im Straßenverkehr. Die psychisch erkrankten bedienen sich zuerst ihrer Hupe, um dann aus dem Fenster Morddrohungen wie Grußformeln abzusondern. Dagegen sind die Wohnungslosen und Alkoholkranken am Markt die reinsten Hippies. Aber die Formulierungen machen deutlich, dass man weniger ein soziales Problem erkennt, sondern mehr die Polizeiarbeit in den Vordergrund stellen möchte.
Ich schreibe es gern noch einmal: Das ist unterlassene Hilfeleistung.
Aber wenden wir unseren Blick ab von den gesichtslosen Behörden, hin zu richtigen Menschen.
Anfang September ruft mich der Marktmeister Marc Pfadenhauer an, er müsse mir jemanden vorstellen. Bei einem Kaffee lerne ich Ralf kennen, der vor dem Eingang von Kaufland Snutenpullis (Schutzmasken) verkauft. Ralf hat eine Geschichte, die nicht zur Erbauungsliteratur gehört. Alkohol spielte eine Rolle. Dann die Entscheidung aufzuräumen und die Rolle rückwärts: Kein Alk mehr. Ralf stürzt sich in Arbeit. Dann kam Corona und er kam er mit seinen Snutenpullis auf den Langenhorner Markt, wo er Tilo, einen der beiden längsten Residents dort, kennenlernte. Er formuliert es so: „Als ich Tilo traf, dachte ich, dass könnte ich sein. Wir haben immer wieder geredet und ich habe überlegt, wie ich ihm helfen kann.“
Er schrieb einen Brief an die Markthändler:
„[…]Aber da gibt es etwas, hier auf dem Markt, was nicht schön ist und da möchte ich um Unterstützung bitten. Ich habe an den Markttagen einen Obdachlosen, von dem ich nur positives berichten kann, der bei mir hinterm Stand seinen Tag verbringt. Morgens um 6h geht er zum Waschen und Zähne putzen auf das Markt WC. Tagsüber ist er in seiner Krankheit befangen und beobachtet das Marktgeschehen. Am Dienstag hat er sich zu Feierabend eine Dose Fertiggericht gekauft. Ich fragte, wie er die denn warm macht? Gar nicht, kann ich ja nicht, habe keinen Strom und kann auch Geräte zum warm machen nicht täglich mit mir rumtragen. Somit muss ich es kalt essen.
Ich war betroffen.
Daraus entstand der Gedanke und nun das Projekt, welches ich versuchen möchte.[…]“
Dann hat er einen Wohnwagen gekauft, ihn zugelassen und mit Tilo geputzt. Da damit noch nicht das Problem der laufenden Kosten für den Winter (Gas & Strom) gelöst war, bat Ralf die anderen Markthändler in seinem Brief um Hilfe. Mit offenen Worten beschrieb er seine eigene Geschichte und legte sein Vorhaben und den Grund dafür dar.
Mit überragendem Erfolg, die Spendenbereitschaft war riesig. Jetzt kann Tilo kochen - und das kann er.


Die Geschichte ist ein Beispiel für selbstloses Engagement, wie wir es gern öfter beschreiben möchten.
Noch wird ein fester Stellplatz gesucht, wer da Ideen hat, meldet sich bei der Langenhorner Rundschau oder wendet sich direkt an Tilo. Ein großes Danke an alle, die geholfen haben. Eine ehrfurchtsvolle Verbeugung vor dem Mann mit den Snutenpullis.

Text & Bild Martin B. Münch


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Die Rundschau

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