Keine Krokodilstränen bitte!

Ein Kommentar von Richard Ebert

In der Nacht zum 6. Januar brannte das denkmalgeschützte Reetdachhaus an der Langenhorner Chaussee 160 völlig nieder. Das alte Bauernhaus datiert urspünglich wohl auf das Jahr 1560. 1913 wurde es zuletzt saniert und umgebaut. In der Liste der Langenhorner Kulturdenkmäler ist es vermerkt als „Wohnwirtschaftgebäude von 1913, das teilweise älter war“. Das Langenhorn-Archiv benennt es als die ehemalige Katenstelle IX. Nach der Bauernfamilie Suck, der einst diese Kate gehörte, wurde am 18. August 1932 der Suckweg in Langenhorn benannt. Es war wohl das älteste erhaltene Gebäude in Langenhorn.




Ich muss gestehen, dass mir die Tränen kamen, als ich in der Nacht von der Brandkatastrophe hörte. Zugleich war ich wütend. Sehr wütend. Warum? Vor fast genau einem Jahr - nachzulesen in der Langenhorner Rundschau, Ausgabe März 2016 - habe ich u.a. auch über dieses Haus geschrieben. Hier mein Text aus dem dem Vorjahr:

„Es ist eines der letzten verbliebenen, gut erhaltenen Reetdachhäuser im alten Langenhorn. Jetzt steht es zum Verkauf. Es ist zwar unter Denkmalschutz gestellt - doch wer an die Tankstelle denkt, ahnt, wie wenig das manchmal bedeutet. Ein solches „Juwel“ - mitten im „Alten Dorf“, nahe am Dorfteich, nahe am Bürgerhaus, nahe am Markt - sollte man nicht alles unternehmen, das Bauwerk für den Stadtteil zu erhalten, zu schützen, zu nutzen? (..) Jeder Stadtteil hat seine prägenden Orte. Auch wenn sie sich nicht immer bräsig und markant in den Vordergrund drängen, wie das Einkaufszentren oder Supermärkte gerne tun. Nimmt man dem Stadtteil aber diese Orte der Erinnerung, der Selbstvergewisserung, so verletzt man ihn an seiner Seele. Man möchte sich wünschen, dass dies auch von den gewählten Mitgliedern der Bezirksversammlung und der Bürgerschaft verstanden wird, die wirklich Langenhorner sind. Dass sie mehr unternehmen, mehr Druck aufbauen, solche Orte am Leben zu erhalten. Oder sollte man eine „Initiative“ ins Leben rufen?“

Tief betroffen war ich von dem Brand, weil ich mich an meiner „Langenhorner Seele“ verletzt fühlte. Und wütend war ich, weil ich zwar auf das einzigartige Haus in dem Artikel hingewiesen habe, weil ich zwar die politischen und gesellschaftlichen Akteure zum Handeln aufgerufen habe, weil ich sogar die Gründung einer „Initiative“ angeregt habe - aber bis auf einige Gespräche habe ich es dabei belassen. Das war, wie man heute sieht, ein Fehler, den ich mir vorwerfe.
Aber ich kann auch den anderen Angesprochenen den Vorwurf nicht ersparen, mitverantwortlich zu sein für den Verlust. Wer von unseren Kommunalpolitikern hat sich darum gekümmert, hat sich engagiert, dass dieses Langenhorner Herzstück zu einem öffentlichen Ort, zu einem kulturellen und lebendigen Kern des Stadtteils wird? Auch der Bürgerund Heimatverein hat die Chance verpasst - eine Gelegenheit, die es erst in über 500 Jahren wieder geben wird (wenn es denn überhaupt heutige Gebäude gibt, die in 500 Jahren noch bestehen).

Noch in seinen „Wahlprüfsteinen“ hatte der Bürger- und Heimatverein 2015 hier in der Rundschau geschrieben: „Unser Langenhorn hat leider nur noch wenige ältere Bauwerke und Naturdenkmäler, die das Bild des Stadtteils prägen. Zu viele schon fielen dem Wohnungs- und dem Straßenbau zum Opfer. Wir erwarten die Abgeordneten an unserer Seite, wenn wir uns um den Erhalt der letzten noch verbliebenen Bauund Naturdenkmäler bemühen.“ Doch als es konkret wurde, war niemand da. Kein Politiker, kein Verein. Auch keine Verwaltung. Die hat zwar feierlich im Bauvorbescheid für das Grundstück festgehalten: „Beim Gebäude Langenhorner Chaussee 160 handelt es sich um eines der wenigen verbliebenen Zeugnisse der ländlichen Vergangenheit Langenhorns. Bis heute dokumentiert das Gebäude mit seinem grünen Umfeld und Landschaft Bezug auf die ursprüngliche Nutzung. Gerade für diese Gebäudegattung ist der umgebende Freiraum wichtiger Denkmalbestandteil, weshalb dem Umgebungsschutz hier eine besondere Rolle zukommt.“ Doch was nützen so schöne Worte, solange sie Papier und folgenlos bleiben? Denkmalschutz in Langenhorn? Wie etwa hier, am Freitag, den 13.10.1995 nur 275m weiter südlich: „6.58 Uhr: Ein 200 Jahre altes Reetdachhaus (Langenhorner Chaussee 125) steht in Flammen. Für ihre zwei Löschzüge sperrt die Feuerwehr beide Fahrspuren. 40 Feuerwehrleute kämpfen vergeblich gegen den Brand, aber das Haus brennt völlig aus.(..) Das Feuer in dem Gebäude hat vermutlich ein Brandstifter gelegt. Das Gelände des bis auf die Grundmauern niedergebrannten Hauses wurde von der Polizei abgesperrt. Das Haus war im Bebauungsplan des Bezirksamtes Nord als erhaltenswert eingestuft.“ (HA 14.10.95) Danach wurden auf dem Grundstück lange Jahre Gebrauchtwagen feilgeboten und nun wird ein Hotel gebaut... Oder die ebenfalls denkmalgeschütze Tankstelle an der Ecke Stockflethweg: Ganz „unvermutet“ abgebrannt, doch wir werden wohl noch in diesem Jahr erleben, wie die Ruinen verschwinden und wie dort gebaut werden wird. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

Wirklich? Oder ist das die „Langenhorner Lösung“ für den Denkmalschutz? Weil man es sich in Langenhorn leisten kann? Weil die sonst so oft gelobte Langenhorner Zivilgesellschaft hier regelmässig versagt? In zahllosen Stadtteilen um uns herum sind aus alten Gebäuden, die zum Verkauf oder zum Abriß verurteilt waren, Bürgerhäuser und Kulturzenten entstanden: Weil sich Initiativen gegründet haben, weil sich Menschen engagiert haben, weil aus diesen Initiativen Trägervereine für die Einrichtungen geworden sind. So beim Berenberg-Gossler-Haus Bürgerhaus für Niendorf, beim Kulturzentrum Bürgerhaus in Meiendorf e.V. , beim Bürgerhaus Barmbek, beim Torhaus Wellingsbüttel, beim Bürgerhaus Lokstedt, beim BRAKULA Bramfeld und so weiter, die Liste ist lang. Warum kann Langenhorn das nicht? Fehlen die Bürgerinnen und Bürger, die Herz und Verstand haben? Oder fehlt es an Politikern, die Mumm in den Knochen haben, die sich nicht den vermeintlichen „Marktkräften“ oder „Sachzwängen“ oder der Koalitionsräson beugen, sondern sich an die Spitze stellen, wenn es um Langenhorner Herzensangelegenheiten geht?
Bis auf ein „oh wie schade“ und „das ist ein schlimmer Verlust für den Stadtteil“ hört man nichts. Das sind Krokodilstränen - danke, aber die brauchen wir nicht.
Und jetzt möge bitte keiner mit dem „Argument“ kommen: Dafür hat die Stadt kein Geld. Natürlich ist genug Geld vorhanden - man muss es zu mobilisieren wissen! Wie ich schon oben schrieb: Es braucht eine Initiative aus der Bevölkerung heraus, die engagiert arbeitet und sich Ziele setzt. Wie z. B. die Stiftung „Stiftung Kulturpalast Hamburg“, die in den siebziger Jahren in Billstedt als Verein an den Start ging. Zu der Zeit gründeten sich 25 Kulturzentren (keines in Langenhorn), die von der Stadt gefördert wurden und werden. In einer aufsehenerregenden Aktion besetzen 1982 in Billstedt die Mitglieder friedlich die ehemalige Polizeiwache 93. Bürgermeister Klaus von Dohnanyi versprach umgehend: „Billstedt bekommt zügig sein Stadtteilkulturzentrum.“ Daraus wurde bis heute die erfolgreichste Kulturinitiative Hamburgs; ihre Veranstaltungen hatten im letzten Jahr 250.000 Besucher, über 250.000 E wurden an Spenden eingenommen, 48 festangestellte Mitarbeiter und 300 ehrenamtliche arbeiten für die Stiftung. Ein Neubau für über acht Mio. Euro wurde gerade neu eröffnet.
Sie meinen: Billstedt ist aber fast doppelt so gross wie Langenhorn? Richtig. Aber auch fast doppelt so arm, mit besonders vielen Ausländern und Einwanderern, mit massiven sozialen Problemen. Und bei uns hätten vier Millionen gereicht.
Vergossene Milch? Nur dann, wenn wir - die Langenhornerinnen und Langenhorner - nicht daraus lernen. Wenn wir weiter tatenlos zusehen, wie auch noch die letzten unserer identitätsstiftenden Bau- und Naturdenkmäler in Flammen aufgehen oder abgehackt werden.
Also keine Krokodilstränen bitte. Sondern hoch mit dem Hintern, Mund aufmachen, anpacken, wenn es um um den Stadtteil geht.



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