Die Süderschule lebt

Süderschule
Langenhorn hat nur noch wenige wirklich markante Gebäude, die Geschichte ausstrahlen. Eines davon ist die Süderschule. Doch sie dämmerte seit rund dreißig Jahren vor sich hin und schien dem Verfall preisgegeben - was soll man auch mit einem so grossen Gebäude anfangen, das direkt in der Einflugschneise liegt, über 130 Jahre alt ist, massiv renovierungsbedürftig und für das trotz aller Versuche keine tragfähig, zukunftsweisende Nutzung gefunden werden kann, seit 1971 der Schulbetrieb eingestellt und in die neue Schule an der Flughafenstraße verlegt wurde? Das Schicksal der Süderschule schien besiegelt.
Doch dann kamen 2015 die Flüchtlinge in großer Zahl. Der Druck, alle unterzubringen, machte möglich, was vorher unmöglich schien. Auch die Rettung der Süderschule.


Wie konnte es dazu kommen? Beginnen wir am Anfang. Den datieren die Stadthistoriker auf etwa das Jahr 1700. Damals gab es kein geordnetes Schulwesen in dem Flecken Langenhorn. Unterricht für die Kinder organisierte - wenn überhaupt - der Pastor. Er stellte einen „Lehrer“ an, der in der Hinterstube eines Hirtenkaten am Schäferhof mit der Bibel-Lektüre und dem ABC begann. Dann kam die Pest, die auch Hamburg und die umliegenden Dörfer nicht verschonte. Erst um 1750 begannen die Langenhorner, einen eigenen Schulkaten aufzubauen; er stand am Rodenkampsweg, einen Steinwurf von der heutigen Krohnstiegschule entfernt. 1766 kam ein zweiter Raum hinzu. Dann sollte es weitere 100 Jahre dauern, bis aus der Hinterzimmer-Schule eine richtige Schule wurde: 1846 enstand eine neue Schulkate mit 2 Klassen an der Langenhorner Chaussee (heute: gegenüber Lidl). Doch auch das reichte nicht lange, denn die Langenhorner Bevölkerung wuchs (1849: 770 Einwohner, 1895: 1.350 Einwohner).

Alte SüderschuleEin grösserer Schulbau wurde nötig - und gebaut. 1886 konnte die Schule an der Langenhorner Chaussee 140 eingeweiht und bezogen werden. Man nannte sie „Langenhorner Gemeindeschule“. Den Namen „Süderschule“ erhielt sie erst später, nachdem 1890 die „Norderschule“ (etwa Ecke Langenhorner Chaussee/Essener Straße) errichtet worden war.

Die jetzt folgenden Jahrzehnte (Deutsches Kaiserreich) brachten für Langenhorn einen mächtigen Aufschwung. Mit der Landgemeindeordnung von 1871 wurde den Hamburger Landgemeinden eine beschränkte kommunale Selbstverwaltung verliehen. 1877 wurde der Langenhorner Bürgerverein gegründet; an der Tangstedter Landstraße 230 baute Johann Peter Schwen das Gasthaus Zum Wattkorn. 1893 öffnete die „Landwirtschaftliche Kolonie für Geisteskranke“ - das spätere „Irrenhaus“, noch später AK Ochsenzoll. Langenhorn hatte 1910 bereits 3.400 Einwohner - folglich erweiterte man die Süderschule um zwei Baracken. Doch auch das hielt nicht lange vor. Der Hamburger Kaufmann Edmund Siemers (der „Pate von Langenhorn“) sorgte mit Grundstücksspekulationen und -Geschäften, mit großzügigen Stiftungen und mit der Entwicklung kompletter Wohnquartiere für weiteres dynamisches Wachstum: Noch mehr Schulraum musste her!  Also wurde beschlossen, das bestehende Schulgebäude großzügig zu überbauen. In der obigen Zeichnung kann man das alte Gebäude an den gelben Linien noch erkennen. So enstand - mit einigen späteren seitlichen Erweiterungen im Jahr 1934 - das große Schulhaus, wie wir es als „Süderschule“ kennen.
Hier begann für Generationen von Langenhornerinnen und Langenhorner der Weg ins Schulleben - eine Erzählung aus dem Schuljahr 1950 (siehe nächste Seite) illustriert auf‘s schönste, was das in der Nachkriegszeit bedeutete.

Das ging gut so bis zum Beginn der 1970er Jahre. Inzwischen hatte der Flugzeugverkehr erheblich zugenommen; zudem waren die damaligen Maschinen dramatisch lauter als die heutigen modernen Jets. Es war einfach unmöglich geworden, einen geordneten Unterricht durchzuführen, weil immer wieder Pausen eingelegt werden mussten: Der Schüler verstand die Lehrer nicht mehr und umgekehrt.  Eine neue Schule musste her, an einem anderen Standort. Der wurde in der Flughafenstraße gefunden, es wurde gebaut und 1971 zogen Schüler und Lehrer um - die schöne große Süderschule stand leer.
In den nun folgenden vier Jahrzehnten gab es die unterschiedlichsten Versuche, das Gebäude sinnvoll zu nutzen. Eine Verwaltungsschule versuchte es und scheiterte. Die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft half in einer akuten Notsituation - doch der Flüchtlingsstrom (vor allem aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion) versiegte nach wenigen Jahren, die Bewohner zogen aus in normale Wohnungen. Zuletzt nutzte die Kita der nahegelegenen Kirchengemeinde Teile des Hauses. Indes: Der Sanierungsrückstau wurde immer größer, das Haus drohte zu einer Ruine zu werden. Wer sollte die nötigen Finanzmittel aufwenden, ein so großes, so altes Gebäude von Grund auf zu sanieren?

Langenhorn als Ort der Waisen- und Jugendfürsorge
Die jüngere Geschichte und Entwicklung Langenhorns ist mitgeprägt von grossem sozialen Engagement, insbesondere auf dem Gebiet der Waisen- und Jugendhilfe.
Das erste Hamburger Waisenhaus geht zurück auf eine Stiftung des Hamburger Rats und der ‚Erbgesessenen Bürgerschaft‘ aus dem Jahre 1604. Es wurde für verwaiste eheliche Kinder im Alter zwischen vier und zehn Jahren gestiftet und von drei Ratsmitgliedern und acht Vorstehern verwaltet.
Das Vermögen der Stiftung bestand aus Vermächtnissen, Schenkungen und Sammlungen. 1646 wurden dort rund 700 Kinder betreut. 1908 wurde das Waisenhaus auf einem Grundstück von Albert Erbe neu errichtet und 1915/18 um ein von Fritz Schumacher erbautes Kleinkinderhaus erweitert. 1922 betreuten dort, sowie in Kinderheimen in Langenhorn und Garstedt, 200 Angestellte 1.250 Kinder. Nach der Zerstörung 1943 wurde das Waisenhaus nicht neu aufgebaut.

In Folge der vielen Flüchtlingsbewegungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nach dem Zerfall der Sowjetunion, nach den Balkankriegen, zuletzt nach den Kriegen im Fernen und Nahen Osten, kam zahlreiche Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt nach Langenhorn - Erwachsene, Jugendliche, Kinder. Die Langenhorner Bevölkerung öffnete ihr Herz, packte zu und half, so gut es ging. Es entstanden eine ganze Reihe von Organisationen und Einrichtungen, die sich vor allem auch um Kinder und Jugendliche kümmerten und kümmern.  Die verschiedensten Träger (darunter neben anderen die Pestalozzi-Stiftung Hamburg, Sozialarbeit im Norden, die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll, die Hamburger Kinder- und Jugendhilfe e. V., das DRK, die evangelische Jugendhilfe, der Jugend-Migrationsdienst EvaMigrA e.V. und viele mehr, natürlich auch der Bezirk Nord) sind bis auf den heutigen Tag engagiert  und - seit dem starken Flüchtlingszustrom der letzten Monate erst recht - sehr aktiv.

Da lag es für den „Landesbetrieb Erziehung und Beratung“ nahe, hier in Langenhorn einen Schwerpunkt zu setzen - zumal er schon jetzt verschiedene Einrichtungen (u.a. Wohngruppen) in Langenhorn betreibt. Dazu muss man wissen: Es ist die zentrale Aufgabe dieses Landesbetriebes (abgekürzt LEB), Kinder und Jugendliche ohne Eltern in Obhut und Betreuung zu nehmen, für sie an Eltern statt zu sorgen und alles nötige zu unternehmen, sie als Schülerinnen und Schüler, als Auszubildende und junge Arbeitnehmer soweit zu begleiten, dass sie den Eintritt in das Leben als Erwachsene meistern können. Dabei spielt die Nationalität keine Rolle: Kinder sind Kinder, Jugendliche sind jugendlich, ohne Eltern bedürfen sie der Unterstützung und Hilfe.
Also entschied der LEB, die Langenhorner „Süderschule“ mit allen Konsequenzen zu übernehmen. Zunächst wurde sie für die neue Aufgabe mit der nötigen Sorgfalt, aufwändig und nachhaltig saniert und renoviert. Mit der Verwendung guter Materialien, die Nachhaltigkeit gewährleisten, wurde verdeutlicht: Hier wird für weitere 100 Jahre investiert. Zeitgleich mit der Öffnung des Hauses verlegte der LEB die Steuerung aller Erstversorgungseinrichtungen (EVE) für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge im Norden ebenfalls in die Süderschule. Auch das soll deutlich machen: Hier geht es nicht um eine schnelle, aus der Not geborene Nutzung wie seinerzeit, sondern nun geht es um die Schaffung einer dauerhaften, nachhaltigen Einrichtung im Stadtteil Langenhorn.

Jetzt gehen also die 77 männlichen Jugendlichen zwischen 14 und 17 hier nicht zur Schule, sondern sie leben und wohnen hier in zweckmäßig eingerichteten Ein- oder Zweibettzimmern; es gibt moderne Duschräume und Küchen zur Selbstversorgung. Auch die Wäsche waschen die Jungs selbst, dafür steht eine Batterie von Waschmaschinen zur Verfügung.  
In ihrem Alter sind die Jugendlichen schulpflichtig. Daher besuchen die meisten eine Schule hier im Stadtteil oder woanders in Hamburg. Einige sind schon in Praktika aktiv, andere schon in der Lehre. Der Tagesablauf ist mit Schule, Hausaufgaben, häuslichen Pflichten und Gesprächen stramm organisiert. Die Betreuerinnen und Betreuer (eine Fachkraft betreut drei Jugendliche) achten und sorgen wie gute Eltern für ihre Schützlinge. Und sie kümmern sich zusammen mit ihnen auch um sinnvolle Freizeitaktivitäten, denn die sind - neben dem Schulbetrieb - der wichtigste Integrationsmotor. Hier hoffen die Betreuer auf die Langenhorner - nicht ohne erste Erfolge: SCALA ist bereits mit Sportangeboten aktiv, aber es werden noch viele andere Angebote von Vereinen oder Gruppen erhofft und erbeten. Gemeinsam etwas unternehmen, erleben, erfahren - das bringt alle weiter.

Langenhorn hat jetzt also seine Süderschule wieder. Die Langenhornerinnen und Langenhorner sollten jetzt ihren Anteil an einem guten Gelingen einbringen, auf die jungen Bewohner zugehen und sie in ihrer Mitte aufnehmen!


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Die Rundschau



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