Wildwuchs in der Bebauuung?

Aktuell

Kolumne: Der Grünschnabel

Ich war schockiert: Im Radio kam die Nachricht, dass unser Bezirksamtsleiter gesagt habe, dass im Bezirk Hamburg- Nord Gebäude ruhig 1-2 Stockwerke höher gebaut werden dürfen. Das machte mich fassungslos, denn Bauten werden meistens nach den örtlich geltenden B-Plänen gebaut, die die Höhe vorgeben und Gesetzeskraft besitzen.
Wenn also in einem Gebiet zweigeschossige Bebauung zugelassen ist, kann nach geltendem Recht z.B. mit einem Staffelgeschoss (deutlich weniger Wohnraum als ein Vollgeschoss) quasi ein 3. Geschoss genehmigt und gebaut werden. Das wäre wie ein ausgebautes Dach zu werten. Will der oberste Beamte des Bezirks nun Gesetze nach eigenem Gutdünken biegen oder das Polizeirecht auspacken?


Man stelle sich vor: In einem Einzelhausgebiet dürfte ein Eigentümer das alte Haus abreißen und ein zwei- oder dreigeschossigen Neubau (zuzüglich weiterem Staffelgeschoss) errichten – oder – ein zweigeschossiges Reihenhaus würde um 2 neue Geschosse erhöht und mit einem Staffelgeschoss dann 5stöckig sein?? Abgesehen von dem Aufschrei der Nachbarn, die sich überwiegend bewusst für ein Leben in dem so geregelten Umfeld entschieden haben – wie sähe das aus? Wo bleibt das ortstypische Gepräge? Jeder würde nach Belieben bauen können? Wozu gibt es eine Stadtplanung, die eine geordnete Bebauung ermöglichen soll?

Da lobe ich mir den Stadtplaner Schumacher, der weitsichtig ein Achsenkonzept (siehe Abbildung rechts) für Hamburg entwickelt hat, in dem die Hauptachsen bebaut – die Zwischenräume freizuhalten sind. Aber das ist ja schon rd. 100 Jahre alt. Der Brei der Großstadt hat sich weiter ausgebreitet. Nun soll die Hummelsbüttler Feldmark (Landschaftsschutzgebiet) durch mehrgeschossige Bebauung am Rehagen und 600 Wohnungen parallel zum Jersbeker Weg weiter eingeschränkt werden – obwohl im Koalitionsvertrag mit den Grünen vereinbart wurde, dass dieses als eine Kaltluftachse eine von Bebauung freizuhaltende Landschaftsachse ist. Schon Tegelsbarg wurde auf grüner Wiese in dieser Feldmark gebaut.

Es gibt geschlossene Bebauung entlang von Straßen, wo ein Giebel an den Giebel des Nachbarhauses gebaut wurde und es gibt offene Bauweise (z.B. Einzelhäuser). Die geschlossene Bauweise reicht rd. bis zum Ring 2 (Lattenkamp bis Barmbek). Hier ist es durchaus möglich, 1 oder 2 Geschosse aufzustocken ohne dass das ortstypische Erscheinungsbild verändert wird. In der geschlossenen Bauweise sind Parkplätze und Kleingärten Mangelware aber Einkäufe zu Fuß, per Rad oder Bus üblich. Die Verkehrsdichte des ÖPNV (öffentlicher Personen-Nahverkehr) ist hoch. Zur Arbeitsstätte hat man zu jeder Wetterlage bequem Bus oder Bahn um die Ecke. Es gibt nur vereinzelte Grünzüge oder Parkanlagen. Gewerbe sind zwischendrin, in Hinterhöfen oder als eigener Straßenzug (z.B. Beiersdorf) vertreten.

Meine Meinung zur Eingangsfrage 1-2 Stockwerke mehr ist für Langenhorn: Nein! Behutsame Verdichtung Ja – aber planvoll mit Augenmaß: Alle geltenden Bebauungspläne oder Baustufenpläne sind in die Hand zu nehmen, mit der Bevölkerung zu diskutieren und dann neu zu beschließen. So ist gleiches Recht für Alle mit zeitgemäßen Grundflächenzahlen und Geschossflächenzahlen gewährleistet. Bei ausreichender Grundstücksgröße dürften auch Doppelhäuser oder 2 Einzelhäuser (mittels Pfeifengrundstücken) in einem Einfamilienhausgebiet den Charakter nicht zerstören (Ausweisung: 2 WE). Ausnahmen und Befreiungen nur für Eckgrundstücke, die benachbart zu anderen Planausweisungen liegen oder Gebäude, die im Umkreis von 500 Metern um Bahnstationen entstehen.

Welche Entwicklung wird Langenhorn nehmen? Langenhorn liegt in der Achse Richtung Norderstedt – Kaltenkirchen. Die dörfliche Struktur blieb bis nach dem 1. Weltkrieg. Es gibt nur noch wenige Strohdachhäuser. Die Großsiedlungen von Schumacher und Siemers waren noch dörflich angepasst. Nach dem 2. Weltkrieg wurden Einzelund Reihenhäuser gebaut. Ab Mitte der 60ger Jahre kamen mehrgeschossige Bauten hinzu. Die 70ger brachten die Großsiedlung Lentersweg...
Es gibt einen laufenden, nicht zu stoppenden Wandel. Die Postkutschenzeit ist vorbei. Leben bedeutet Bewegung. Die Planung indes erscheint mir derzeit nicht weitsichtig, sondern gestückelt mit „vorhabenbezogenen“ Bebauungsplänen oder Planungswettbewerben. Den derzeitigen Prognosen folgend wird Hamburg bis 2030 eine gesuchte und genutzte Metropole sein – vermutlich auch noch länger. Daraus ergeben sich für Langenhorn viele Folgen: Mehr Bewohner, mehr Wohnraum, mehr qm je Bewohner, mehr Verkehr (auch von außerhalb der Landesgrenze), weniger Grünflächen (Langenhorn hat noch viele Wiesen), weniger Kleingärten, mehr Gewerbeflächen, mehr Straßen, mehr Radfahrer, mehr Parkraum, mehr Freizeitqualität ....

Daraus ergeben sich viele Fragen: Wird die offene Bauweise aufgegeben? Wieviele und welche Grünzüge bleiben, welche werden verringert oder erweitert? Welche Gewerbegebiete werden neu ausgewiesen, erweitert oder verringert? Welche Gebäudeflächen werden verdichtet? Wird der Ring 3 im Jahr 2030 die Trennlinie für geschlossene Bauweise darstellen? Welche Wohnfläche wird dann je Einwohner angenommen? Werden „Besserverdienende“ vermehrt ins grüne Umland ziehen? Gibt es genügend barrierefreie Wohnungen für die vielen pflegebedürftigen Menschen? Werden nur Sozialbauten zugelassen? Welche Verkehre kommen neu dazu? Müssen Straßen erweitert werden? Wo können noch große P+R Arreale entstehen? Wie entwickeln sich Nahversorgungszentren / Einzelhändler? Welche Natur-/Landschaftsschutzgebiete soll es dann geben – in welcher Größe? Welche Parkanlagen, Spiel – und Erholungsbereiche soll es geben? Welche Bäche werden verrohrt? Welche Hubschrauberlandeplätze werden wo eingerichtet? Krankenhauserweiterung? Schulen? Sportplätze? Welche Müllablagerungen oder verseuchte Gebiete müssen saniert werden? Soll Langenhorn zu einer reinen Schlafstadt werden? Braucht der Flughafen weitere Industrieflächen?....

Liebe Leser, Sie merken: Es gibt viele Fragen und noch mehr Antworten – je nachdem ob man z.B. Kleingärtner, Fan von Eigenheimen, Radfahrer, Gewerbetreibender, Hundebesitzer, Mieter oder Naturschützer... ist. Jeder hat seine Sicht und seine Ziele: arbeitend oder arbeitssuchend, Senior oder Schüler, Familie oder Single... Wie fließt das zusammen? Es drängte sich mir der Eindruck auf, die staatliche Stadtplanung arbeitet derzeit nur nach Wunsch der Grundbesitzer. Ein Stadtteilentwicklungskonzept für Langenhorn fehlt. In Langenhorn gibt es aber viele Vereine, die mit je einem Vertreter und vielen Interessierten eine Planungswerkstatt aufbauen könnten, in der Weg für Weg, Wohngebiet für Wohngebiet, Bach für Bach, Straße für Straße, Grünanlage für Grünanlage, Radwege, Gewerbeflächen, Kleingärten, Rückhaltebecken, Wiesen , Spielplätze... unter die Lupe genommen werden um Zukunftsvisionen zu entwickeln. Wichtige Punkte sind z.B. auch: Bebauung an der westlichen U-Bahntrasse zwischen Foorthkamp und Neuberger Weg; Wanderwege an Tarpenbek, Raakmoorgraben und Bornbach offen und breit für Fußgänger und Radfahrer; Erhalt der Grünzonen am Ring 3....

Hier für die Zukunft zu entscheiden wird zu Konflikten und Auseinandersetzungen führen. Aber Maximalforderung müssen aufgegeben werden, wenn eine realistische Zukunftsvision für ein gemeinsames Langenhorn als lebendiger Teil einer Metropole entwickelt werden soll. Würden Sie dabei sein?

Euer Grünschnabel


Auf diese Kolumne hat unser Redaktionsmitglied Thomas Kegat geantwortet - lesen Sie hier weiter....



Would you like to try out ipage hosting, they provide reliable green hosting service.

Die Rundschau



Hier finden Sie die aktuelle Ausgabe der Langenhorner Rundschau sowie die früheren Ausgaben als PDF zum Download!

Langenhorner Geschichte(n)


Zum 100 - Jahre-Stadtteil - Fest erschien das Buch" Langenhorner Geschichte(n)". Es ist in den örtlichen Buchläden zu kaufen und in allen großen Online-Buchshops.


Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, klicken Sie hier.
Um das Buch sofort von hier aus zu kaufen einfach nur auf den Button klicken!

Joomla Templates designed by Joomla Hosting